Der Schweizer Boulderer hat Will Bosis Kyanite im Tessin geklettert, wahrscheinlich als Zweiter überhaupt. In diesem Herbst brauchte er dafür drei Sessions, nachdem er den Boulder letzte Saison nur kurz probiert hatte.

Marco Müller hat Kyanite (8C) im Valle Bavona wiederholt – den harten linken Ausstieg von Axinite (8B+), den Will Bosi erstbegangen hatte.

Die Geschichte beginnt vor einem Jahr. Nach Axinite, dem rechten Ausstieg, probierte Müller letzte Saison kurz Kyanite. Dann musste das Bavona warten. Zurück kam er nach eigenen Worten gegenüber 8a.nu erst etwa zwei Wochen vor der Begehung, und für den linken Ausstieg brauchte er dann noch drei Sessions. In seiner Bildunterschrift beschreibt er die Linie. Gleicher Start wie Axinite, dann geht es nach links in einen weiteren harten Abschnitt mit einem langen, schulterlastigen Crux-Zug. Bei 173 Zentimetern ist so ein Zug kein Detail. Er selbst beschreibt sich darin als bis aufs Äußerste gestreckt, von den Zehen bis in die Fingerspitzen.

Kyanite hat eine eigene Vorgeschichte. Der Boulder war ein langjähriges Projekt von Dave Graham, bis Will Bosi ihn am 25. April 2025 in zwei Sessions kletterte. Der Schotte war damals für ein Filmprojekt von Adidas Five Ten in der Schweiz, an dem auch Giuliano Cameroni beteiligt war, und auf derselben Reise gelang ihm im Magic Wood die Erstbegehung von Brain Rot (8C+). Über beides haben wir in Will Bosis Schweizer Erstbegehungen berichtet. UKClimbing beschrieb Kyanite als linke Variante von Axinite. Man startet am selben Punkt, klettert die ersten Züge von Axinite und bricht dann nach links durch ein sehr steiles Dach aus. Das ergibt ungefähr doppelt so viele Züge wie bei Axinite, und zurück in die ursprüngliche Linie geht es mit einem verzweifelten Gaston-Deadpoint. Der Fels ist, wie fast überall im Tal, Gneis.

Der linke Ausstieg packt damit noch eine Stufe auf Axinite (8B+), der für sich genommen bereits als Testpiece gilt.

Für Müller ist es die Krönung eines starken Jahres. Laut 8a.nu hat er allein 2026 fünf Boulder im Grad 8C und einen 8C+ geklettert. Im Februar fiel in Cresciano The Story of Three Worlds (8C+), die vierte Begehung nach der Erstbegehung durch Shawn Raboutou und den Wiederholungen von Jakob Schubert und Yannick Flohé. Im März folgte Captain Nemo (8C), ebenfalls im Valle Bavona, nach neun Sessions. Sein erster harter Boulder im Tal ist Kyanite also nicht.

Vor nicht allzu langer Zeit kannte man ihn eher vom Seil. 2023 gelang ihm die zweite Begehung von Oblivion (9a) in Gimmelwald, und für schwere Routen reiste er bis ins norwegische Flatanger. Beruflich ist er Maschinenbauingenieur. Heute bouldert er nur noch, und seine Form erklärt er ganz nüchtern. Er sei verletzungsfrei geblieben, konzentriere sich seit über einem Jahr nur aufs Bouldern und habe dadurch mehr Zeit, Dinge auszuprobieren. Dazu projektiere er mehr Boulder an seinem Limit. Drei Sessions an einem 8C, der bisher nur eine Begehung hatte, zeigen, dass das Rezept aufgeht.

Das nächste Ziel steht. Gegenüber 8a.nu sagte er, er wolle Mystic River (8C) in Brione probieren. Der Haken: Der Boulder liegt im Flussbett, alles hängt also vom Wasserstand ab. Ob es diese Saison noch klappt, entscheidet der Fluss.

Aus dem Tessin und der ganzen Schweiz kommen weiter Meldungen über harte Boulder. Nicolai Užnik eröffnete Full Gem (8C+) in Chironico, Sam Weir kletterte Permanent Midnight Low (8C+) in Fionnay. Auf eine andere Wiederholung musste ebenfalls lange gewartet werden, bis Elias Iagnemma als Erster Pilgrim wiederholte. Weitere Gebiete im Kanton findet ihr auf unserer Seite zum Tessin.

Quellen: 8a.nu, Instagram (Marco Müller), Climbing History, 8a.nu (Bosi), UKClimbing, Up-Climbing, 8a.nu (Captain Nemo)

Titelbild: ein Boulder in Brione im Verzascatal, Tessin. Das ist nicht Kyanite und kein Foto von der Begehung. Foto: PhillipHicks, CC0, via Wikimedia Commons. Das Bild wurde zugeschnitten.