2010 stand Eric Gilbertson auf dem Denali. Damals war das noch kein vorgezeichnetes Rekordprojekt, sondern einfach der höchste Berg der USA. Aber wer einmal oben steht, fängt irgendwann an zu rechnen: Wenn das eigene Land abgehakt ist, was kommt danach?
Aus der Idee wurde ein 16 Jahre langes Unterfangen. Gilbertson, im Hauptberuf Maschinenbauprofessor, arbeitete sich Stück für Stück durch Nord-, Mittel- und Südamerika und die Karibik. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Matthew hatte er bis 2015 alle Höchstpunkte Nordamerikas im Sack. Doch der Rest des Kontinents zog sich: Dschungelzustiege in Belize und Suriname, Gletscher am Logan und Aconcagua, endlose Busfahrten durch Mittelamerika. Manche Gipfel waren kaum mehr als ein Hügel, andere ernsthafte Hochgebirgsexpeditionen mit Spalten und Stürmen.
Die größte Hürde war am Ende bürokratischer Natur: Für den Pico Bolívar in Venezuela gab es jahrelang schlicht keine Visa für US-Bürger. Weil auch der Zugang zum Mount Roraima bzw. Guyanas Grenzpunkt logistisch an Venezuela hing, blockierte diese eine Grenze gleich zwei Einträge auf der Liste.
Als Venezuela schließlich wieder Touristenvisa für US-Amerikaner ausstellte, nutzte Gilbertson das Fenster sofort. Er reiste hin, bestieg den Pico Bolívar, querte den Grenzbereich zum höchsten Punkt Guyanas und löste damit das jahrelange Problem.
Weil er als Ingenieur Dingen gerne auf den Grund geht, verließ sich Gilbertson bei unklaren Höhenangaben – etwa in Jamaika, Kolumbien oder Guyana – nicht auf altes Kartenmaterial. Er schleppte professionelles GPS-Gerät mit auf die Gipfel und maß selbst nach. Seine Daten halfen in einigen Fällen sogar dabei, offizielle Höhenangaben zu korrigieren.
Den Schlusspunkt setzte Gilbertson am Huascarán Sur in Peru (6754 m). Nach einem nächtlichen Aufstieg durch die zunehmend instabile Gletscherzone stand er im Juli 2024 auf dem Gipfel und schloss das Amerikaprojekt nach 14 Jahren ab.
Mittlerweile hat Gilbertson über 150 Landes-Höchstpunkte weltweit bestiegen. Das Ziel bleibt: der höchste Punkt in jedem Land der Erde.




